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Was ist bloß aus diesem Land geworden? (Deutschland)

Was ist bloß aus diesem Land geworden? (Deutschland)

Was ist bloß aus diesem Land geworden? (Deutschland)
Ein Essay von René Pfister.

Lange haben die Deutschen die Nase gerümpft über das Chaos in den USA. Nach zwei Wochen in meiner alten Heimat ist mein Eindruck: Höchste Zeit, dass die Deutschen einen kritischen Blick auf sich selbst richten.
Wenn man ein paar Jahre im Ausland gelebt hat, stellt sich unweigerlich die Frage, wer sich mehr verändert hat: die alte Heimat? Oder man selbst?
Das Erste, was mir nach der Landung auffiel, war die Schaffnerin, die mich im Zug vom Berliner Flughafen in die Innenstadt an die Maskenpflicht erinnerte. Eine Frau um die fünfzig, deren eigene Maske unter der Nase hing und die ihre Ermahnung mit jener müden Entschlossenheit vortrug, die Amtspersonen auszeichnet, die schon lange den Glauben an den Sinn ihres Tuns verloren haben. Ich kramte eine alte zerknüllte OP-Maske aus meiner Tasche, die ich vorsichtshalber eingesteckt und während meines zehnstündigen Fluges nach Berlin nicht gebraucht hatte. Meine Brillengläser beschlugen, während ich in dem leeren Zug auf die trübe Brandenburger Winterlandschaft blickte.
Ich war Anfang Dezember nach Deutschland gekommen, um mein US-Visum zu verlängern, und weil die Prozedur immer ein oder zwei Wochen dauert, wollte ich ein paar Freunde besuchen und meine Eltern in Süddeutschland. Ich lebe jetzt seit drei Jahren in Washington.
Es war eine Zeit, in der ich anfangs mehr als einmal froh war, einen deutschen Pass zu besitzen, um notfalls dem politischen Wahnsinn der USA entfliehen zu können. Nun aber ist Donald Trump seit zwei Jahren nicht mehr Präsident, und nach vierzehn Tagen Deutschland bin ich mir nicht mehr so sicher, ob mir der fröhliche Pragmatismus meiner amerikanischen Nachbarn nicht näher ist als der moralinsaure Dogmatismus in Deutschland.
Es ist schwer zu sagen, was sich genau verändert hat, aber Corona und Putin haben den Deutschen nicht gut getan, so viel ist sicher. Überall ist ein fiebriger Eifer zu spüren, dessen Ziel sich mir nicht erschließt. Eine Freundin, die für die Bundesregierung arbeitet, erzählte mir, wie peinlich genau darauf geachtet wird, dass in den Diensträumen die Temperatur 19 Grad nicht übersteigt. Ich habe nichts gegen Sparsamkeit. Aber nun steckt in jeder Ermahnung, das Licht nicht unnötig lange brennen zu lassen, ein patriotischer Unterton. Jede gesparte Kilowattstunde ist auch ein Sieg im Kampf gegen den Finsterling im Kreml.
Die Deutschen zehren immer noch vom Image eiserner Zuverlässigkeit. Nur hat das nichts mehr mit der Realität zu tun.
Allerdings frage ich mich, warum die Deutschen nicht mit der gleichen Leidenschaft diskutieren, wie sie das Gas ersetzen wollen, das sie Putin nicht mehr abnehmen möchten.
Deutschland sitzt auf Energievorräten, die das Land mehr als zehn Jahrever sorgen könnten. Aber weil Fracking als eine Technik gilt, die den Deutschen als unzumutbar erscheint, kaufen sie lieber Gas, das in Pennsylvania mit eben jener Methode gewonnen wird, die man in Niedersachsen als schweren Umweltfrevel betrachtet.
Kurz vor meiner Abreise aus den USA hatte mich ein Freund zu einer Party eingeladen, wo ich mit einem pensionierten Manager ins Gespräch kam, der immer noch Energiefirmen berät. Der Mann ist wie die meisten Amerikaner ein großer Fan Deutschlands, aber mehr noch als die Vorfreude auf seinen nächsten Trip nach München erheiterte ihn meine Frage nach der deutschen Energiewende: »Totally crazy«, sagte er. Andererseits: Wenn die Deutschen unbedingt darauf bestehen, teures amerikanisches Gas zu kaufen: herzlich gern! »Stupid German Money« nannte man an der Wall Street jenes Geld, das aus Deutschland in Anlageformen floss, die sonst niemand mehr anfassen wollte. Die Amerikaner sind bereit, es jetzt wieder zu nehmen, diesmal für Gas.
Wenn man eines von den Amerikanern lernen kann, dann ist es, die Dinge von der praktischen Seite zu sehen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie im Frühjahr eine von Trump ernannte Richterin in Florida das Maskengebot in Flugzeugen aufhob.
Damals gab es für ein, zwei Tage einen Aufschrei im progressiven Amerika, wie eine völlig unqualifizierte Juristin in Tampa die Chuzpe haben könne, der Regierung in Washington das letzte Mittel im Kampf gegen Corona aus der Hand zu schlagen.
Ich war damals gerade mit meiner Familie im Urlaub in Kalifornien, und auf dem Rückflug wurde mir klar, dass die Trump-Richterin womöglich näher an der Stimmung der Leute war als die »New York Times«. In der Maschine von San Diego nach Washington – zwei der wohl liberalsten Städte Amerikas – trug kaum ein Passagier noch freiwillig eine Maske.Ein paar Tage später waren sich im Grunde alle einig, dass die Richterin ein ganz vernünftiges Urteil gesprochen hatte. Im September dann erklärte Präsident Joe Biden die Pandemie offiziell für beendet. Seither macht jeder, was er will: Es gibt immer noch Orte wie den Buchladen an der Connecticut Avenue, wo sich das linke Washington trifft und es zum guten Ton gehört, sich am Eingang eine blaue OP-Maske überzustreifen. Man tut es, wie sich Katholiken beim Betreten der Kirche mit Weihwasser bekreuzigen – als Symbol, einer Glaubensgemeinschaft anzugehören. Aber kein Politiker würde es noch wagen,den Amerikanern vorzuschreiben, wie lange sie im Zug maskenlos am Kaffee nippen dürfen.
Vielleicht sind die echten Probleme der Deutschen in den vergangenen Jahren so stark gewachsen, dass sie sich lieber um die eingebildeten kümmern. In Washington treffe ich mich alle paar Monate mit Constanze Stelzenmüller zum Mittagessen.
Constanze war ein paar Jahre Redakteurin bei der »Zeit«, bevor sie nach Washington zur Brookings Institution wechselte, einer liberalen Denkfabrik.
Es ist immer ein Vergnügen, mit ihr zu plaudern, weil sie sich so schön über die deutsche Unart aufregen kann, sich in ein Wolkenkuckucksheim hinein zu fantasieren. »Deutschland hat seine Sicherheit an die USA ausgelagert, seinen Energiebedarf an Russland und sein exportbedingtes Wirtschaftswachstum an China«, sagte Constanze nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine. Nun stehen die Deutschen vor den Trümmern ihrer eigenen Naivität und bleiben dennoch seltsam tatenlos.
Vielleicht sind die echten Probleme der Deutschen so stark gewachsen, dass sie sich lieber um die eingebildeten kümmern.
Das Revolutionäre an der »Zeitenwende«-Rede von Kanzler Olaf Scholz war ja vor allem ihr Name. Noch tun die Deutschen so, als sei mit Biden wieder die transatlantische Normalität zurückgekehrt. Das mag für die nächsten beiden Jahren so sein.
Nur: Was, wenn Trump das Weiße Haus erobert? Oder Ron DeSantis , der republikanische Gouverneur von Florida, dessen isolationistische Reflexe womöglich noch stärker ausgeprägt sind als die Trumps?
Kürzlich fragte ich einen engen Berater von Scholz, ob es nicht an der Zeit sei, dass sich die Europäer einen Atomschutzschirm zulegen, der nicht von den USA abhängig ist. Er antwortete, dies seien intellektuelle Sandkastenspiele von Journalisten, die nicht gewählt werden müssen. Ach, wirklich?
Während meiner Reise kam mir Deutschland manchmal wie der Kojote in dem Comic vor, der über einen Abgrund rennt und erst mit Verspätung merkt, dass er abstürzt. Die Deutschen zehren immer noch vom Image eiserner Zuverlässigkeit. Nur hat das leider nichts mehr mit der Realität zu tun. In Deutschland habe ich in zehn Tagen siebenmal einen ICE genommen. Nicht einer kam pünktlich ans Ziel. Die Schaffner machten sich gar nicht mehr die Mühe zu erklären, warum ein Zug nach Freiburg, der weder von einer Baustelle noch von einem technischen Defekt aufgehalten wird, eine halbe Stunde Verspätung hat. Dafür aber wurde die Maskenpflicht durchgesetzt. Nicht unfreundlich, aber bestimmt. Dienst ist Dienst.
Als ich in Berlin einen Freund treffen wollte, den ich seit über einem Jahr nicht mehr gesehen hatte, mussten wir fünf Restaurants abklappern, bis wir endlich eines fanden, das am Sonntagabend geöffnet hatte. Ein paar Tage später feierte mein Vater seinen Geburtstag in einem Restaurant in Badenweiler, in dessen Karte stand: »Bitte entschuldigen Sie, wenn es mit der Bestellung etwas länger dauert. Wie alle Restaurants kämpfen auch wir mit Personalmangel.« Mein Bruder, der in Süddeutschland zuständig ist für den Abschleppservice auf einem Teilstück der A5, erzählt mir, dass er kurz davor war, die Arbeit einzustellen, weil er kaum noch jemand findet, der bereit ist, zu jeder Tag- und Nachtzeit auszurücken.
Es ist ein neuer deutscher Sonderweg, der ungefähr so verheißungsvoll ist wie eine Fastenkur im Harz und dem niemand auf der Welt folgen wird.
Nichts erscheint mir in einer solchen Situation widersinniger, als die Anreize zu senken, Arbeit aufzunehmen. Aber zum 1.Januar trat in Deutschland ein Gesetz in Kraft, dass es erlaubt, im Falle der Arbeitslosigkeit länger auf Kosten der Allgemeinheit zu leben, statt das eigene Vermögen anzuzapfen. Bürgergeld heißt das neue Hartz IV, eine Wortschöpfung, die schon deshalb merkwürdig ist, weil es nichts Unbürgerlicheres gibt als die Idee, sich vom Staat die Existenz finanzieren zulassen, wenn zugleich Tausende Firmen verzweifelt nach Kellnern, Bäckern und Automechanikern suchen.
Wahrscheinlich bringt die Gemütslage der Deutschen nichts besser zum Ausdruck als die SPIEGEL-Bestsellerliste, auf der seit Wochen ein Buch der »taz«-Redakteurin Ulrike Herrmann steht, das ich auf meinen langen Zugfahrten durch Deutschland gelesen habe. Herrmann erklärt auf den ersten 80 Seiten überzeugend, welch unglaublichen Wohlstandszuwachs die Welt dem Kapitalismus zu verdanken hat. Der Clou des Buches besteht dann aber darin, dieses Erfolgsmodell zu Grabe zu tragen: »In der Vergangenheit waren viele Untergangsszenarien tatsächlich falsch – aber diesmal wird der Kapitalismus tatsächlich enden«, heißt es auf Seite 187.
Für den Kampf gegen den Klimawandel schlägt Herrmann eine Art Kriegswirtschaft vor, so ähnlich, wie sie Großbritannien ab 1939 eingeführt hat. Fleisch und Flüge werden rationiert oder gleich ganz verboten, die Autoindustrie verschwindet, weil der Individualverkehr nicht mehr in die Zeit passt. Es ist ein neuer deutscher Sonderweg; ein Exzeptionalismus des Schrumpfens, der ungefähr so verheißungsvoll ist wie eine Fastenkur im Harz und dem niemand auf der Welt folgen wird.
Als ich nach meiner Deutschlandreise wieder in Washington landete, musterte der Beamte am Zoll mein neues Visum, das bis ins Jahr 2027 läuft. Wie lange ich in Deutschland gewesen sei, wollte der Mann wissen. »Zwei Wochen«, antworte ich,während ich meinte, im Gesicht des Beamten einen mitleidigen Zug zu erkennen. »Welcome home«, sagte er.

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